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Träumen Übersetzer von größeren Blasen? Ein Interview für www.splashpages.de mit Michael Nagula © 2000 bei Steve Kups
Während der 80er und eines Teils der 90er Jahre wurde der Markt für Marvel-Comics in deutscher
Sprache überwiegend durch den Condor-Verlag bedient und geprägt. Nach langer und zeitaufwändiger Suche (gute zehn Minuten) gelang es uns, einen der damaligen Hauptübersetzer und Redakteure, nämlich Michael
Nagula, aufzuspüren.
Michael lebt heute in einem prächtigen Schloss, umsäumt von weiten Wäldern und rauschenden
Flüssen, wo er seinen kargen Übersetzerverdienst aus der damaligen Zeit mit vollen Händen verprasst. Unser rasender, manisch depressiver Reporter Steve Kups hat ihn dort per E-Mail überfallen und zu einem sehr
ausführlichen Interview überredet, welches wir hiermit anstandslos drucken.
Wir haben berechtigten Anlass zu der Vermutung, dass sich Kups im Besitz einer Schusswaffe
befindet und diese im Falle eines Weigerung unsererseits kompromisslos einzusetzen wüsste.
Die Fragen unseres leicht verwirrten Mitarbeiters Kups haben wir zur besseren Unterscheidung von
den Äußerungen eines geistig gesunden Menschen in fetter Schrift markiert, während die Antworten von Michael Nagula in einer gut lesbaren, normalen Schrift belassen wurden.
An einer Stelle des Interviews haben wir noch eine kurze Stellungnahme von Reinhard Schweizer
eingefügt, der sich zu einer dort aufgeworfenen Frage äußerte, nachdem ihm Herr Kups für den Fall einer Weigerung mit dem Tod eines Hamsters drohte.
Eines x-beliebigen Hamsters übrigens, da Herr Schweizer selbst keinen besitzt.
Herrn Schweizers Antwort wurde zur besseren Abhebung in kursiven Lettern gehalten.
Also noch einmal ganz langsam für alle:
Fette Schrift = Der fette Herr Kups (rülps)
Normale Schrift = Der normale Herr Nagula (lacht da jemand?)
Kursive Schrift = Der kursive Herr Schweizer
Der Finder zusätzlicher Schriftarten wird gebeten, diese am Empfang abzugeben.
Und nun wollen wir keine weiteren Worte über den sehr bedenklichen Zustand eines unserer
Redakteure verlieren und schreiten statt dessen augenblicklich zum Interview.
Hallo, Michael! Freut mich, dass du dir die Zeit für diese kleine Unterhaltung genommen hast.
Kommen wir gleich mal zu dem Punkt eines Interviews, der die Leser wohl am ehesten interessiert: Die Fragen.
Jau, ich bin bereit!
Jeder, der schon einmal ein Superhelden-Taschenbuch oder Heft aus dem Hause Condor in Händen
hielt, stolperte dabei unweigerlich über Deinen Namen.
Könntest Du uns kurz schildern, wie und warum Du eigentlich damals bei Condor gelandet bist?
Klar! Es war an einem bezaubernden Frühlingstag im Jahre des Herrn 1986, die Sonne strahlte, die
Vöglein zwitscherten, als ich, noch jung und sinnentrunken, in Frankfurt am Main - meinem damaligen Wohnort - einen Comicladen entdeckte. Seit meiner Kindheit hatten mich Comics nicht mehr angefochten, doch als ich
die US-Ausgaben von "Spider-Man" und "Daredevil" sah, ging's rund - ich war wieder im alten Williams-Fieber!
Jedenfalls, in dem Laden half gerade Klaus Strzyz aus, ein stadtbekannter Taxifahrer und damals
Übersetzer/Redakteur für die Marvel-Superhelden bei Condor. Wir kamen über Gott und die Welt ins Schwafeln, über Stan Lee und Frank Miller und den bezaubernden Frühlingstag dieses Jahres des Herrn 1986, die
trunkenen Sinne und... und als er hörte, dass ich Romane übersetze, fragte er, ob ich nicht auch Comics könne. Ich (fassungslos): NIEMALS! Er (trocken): Versuch's doch mal! Was ich dann auch tat. Der Rest ist
Geschichte... und zwar folgende: Weil er überlastet war, machte ich für ihn zwei Episoden fürs FV-Tbs 19 (da versuchte ich noch zu ÜBERSETZEN, weshalb es sich - durch die Verknappung - streckenweise auch wie
Shakespeare liest! Nichts gegen Shakespeare - - - o nein, Sir, nein! Die Drossel war's, o dornig Ungestüm! Nein, die Rose... die... äh...). Dann war auch schon wieder Sense, weil ich für ein halbes Jahr als
German Assistant Teacher nach England ging. Nach meiner Rückkehr habe ich dann wieder ein wenig für ihn geghostet, und im Juli 1989 wurde ich offiziell sein Nachfolger bei Condor - mit schon angemessener Sprache,
Namensnennung und allem Pipapo. In der Funktion blieb ich dem Verlag bis zur Einstellung seiner Marvel-Reihen erhalten - das war Ende 1996.
Für welche Comicbereiche warst du bei Condor denn so alles verantwortlich?
Also, eigentlich für die gesamte Produktpalette Marvel-Superhelden. Das heißt, dass ich nach
den Vorgaben (DIE SPINNE im Heft, DIE X-MEN im Magazin, DIE SPINNE und diverse Graphic Novels im Album, ansonsten Tbs) die einzelnen Objekte mit US-Material zu füllen hatte, das dann bestellt und von mir übersetzt
wurde - bzw. deutsch getextet, sprich (aus Blasenumfanggründen - - drucks?!) dem Originaltext nachempfunden. Anfangs musste ich noch die Einplanung übernehmen, die Klaus Strzyz mit dem Marvel-Fan Ulrich Böttcher
zusammen vorgenommen hatte, aber ich machte mich dann doch ziemlich schnell selbst über die Zusammenhänge im Marvel-Universum schlau und begann die Handlungslücken zu schließen (bestes Beispiel: CONAN), wobei
ich besonderes Augenmerk auf die Chronologie der Serien legte. - - Ein Nebenprodukt dieser Beschäftigung waren übrigens die diversen Marvel-Checklisten (meist in Zusammenarbeit mit Ulrich entstanden), deren
Existenz von Marvel Deutschland freilich strikt geleugnet wird. Bis auf die FV wurden so alle größeren Serien wie DIE SPINNE, DIE RÄCHER, CAPTAIN AMERICA, DER UNGLAUBLICHE HULK etc. zum erstenmal in Deutschland
mit sämtlichen hiesigen Veröffentlichungen erfasst!
Die Existenz der Checklisten wird geleugnet? Glaube ich eigentlich nicht. Ich denke mal, dass
da eher irgendwelche Copyright-Sachen eine Rolle spielen? Muss aber zugeben, dass ich mich mit dieser Frage bisher auch noch nicht befasst habe. Ich werde mal eben eruieren, was Reinhard dazu meint und seine Antwort
etwas weiter unten ankleben.
Also, ich lese ja besonders gern Leserseiten, das ist so eine Marotte von mir, und da fiel mir
einige Male auf, dass auf die Frage von Fans, ob es solche Checklisten gibt, immer nur bedauernd mit den Schultern gezuckt wurde. Außerdem verweist Marvel Deutschland auch nie auf Hefte, die zuvor bei Condor
erschienen sind, sondern behauptet statt dessen sogar manchmal, dass es bestimmte Ausgaben, die dort vorliegen, gar nicht auf deutsch gäbe - das ist so eine Mischung von Totschweigen und Verteufeln.
Dabei gab's bei Condor auch tolle Sachen, z.B. die erste deutsche Edition der
"Spider-Man"-Hefte (vierte Monatsserie) von Todd McFarlane und Erik Larsen im DIE SPINNE-Album, und die waren vollständig übersetzt, das weiß ich genau, hab ich nämlich selbst gemacht! Wenn allerdings
schon die bloße Nennung des Verlagsnamens Condor - CONDOR!!! - bei Marvel Deutschland mit einem Bann belegt ist... obwohl die Produktion - wie gesagt - auch Erfreuliches hatte, denn eine großformatige Albenausgabe
der McFarlane-Spinne gibt's ja bis heute weltweit sonst nirgends! - - - was will man da machen.
Reinhard hat sich gerade dazu geäußert, ich füge seine Worte mal einfach hier mit ein.
Ladies and Gentlemen: Reinhard Schweizer von Marvel Deutschland!
Der Name von Condor fiel gerade auf den Leserbriefseiten sehr oft-- genauer gesagt, ZU
oft. Wir erhielten SEHR viele Briefe, die ihrem Ärger über die Condor-Veröffentlichungen nachträglich Luft gemacht haben. Einige wenige davon habe ich abgedruckt. Darauf kam die Gegenreaktion: Briefe, die
meinten, Condor habe wenigstens die Marvel-Tradition in Deutschland aufrechterhalten. Und es mehrten sich zudem die Stimmen, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und in die Zukunft zu blicken -- ein
vernünftiger Vorschlag, dem wir gefolgt sind.
Richtig ist, dass wir in unseren Fußnoten oder in den Anmerkungen nicht auf
Condor-Ausgaben verweisen. Der Grund ist einfach: Keiner von uns besitzt eine Condor-Sammlung, denn wir alle, die bei MD arbeiten, sind in den "Condor-Jahren" auf die US-Marvels ausgewichen. Und - ganz
ehrlich! - noch KEIN EINZIGER Leser hat jemals "Condor-Fußnoten" oder sonstige Verweise auf die Hefte gefordert!!
Bei den Checklisten haben wir niemals behauptet, die ersten zu sein, die so etwas
erstellen. Ich weiß zwar nicht, WIE alt die jeweiligen Listen von Condor sind, aber es dürfte klar sein, dass wir möglichst aktuelle Checklisten veröffentlichten wollten. Also haben wir solche bei den Fans
angefordert und etliche wurden uns zugeschickt. Das war dann unser Ausgangsmaterial.
Bei Editionen wie bei dem Spider-Man-Material von McFarlane haben wir nicht behauptet, es sei
die "erste" deutsche Ausgabe, sondern die "definitive". Und dies ist bei Eigenwerbung ja wohl erlaubt.
Gruß, Reinhard
Soviel von Reinhard. Danke für deinen Kommentar hierzu!
Weiter im Text mit Michael.
He, gerade lese ich die Antwort von Reinhard (nette Sache, diese E-Mail-Technik, wir kennen uns
ja noch nicht... ich meine, die E-Mail-Technik und ich uns schon, Reinhard und ich uns aber nicht). Erst mal... PEACE!!! ... klar, Vergangenheit soll Vergangenheit bleiben, für mich ist Condor auch eine definitiv
abgeschlossene Sache, aber ich möchte doch betonen, dass die Condor-Checklisten das Aktuellste waren, was es bei Gründung von Marvel Deutschland überhaupt gab!!! Aktualisierungen fast aller Checklisten wurden von
mir eigens in den letzten Condor-Ausgaben gebracht, damit die deutschen Superhelden-Marvels wenigstens zum Condor-Ende hin einmal definitiv (um dieses schöne Wort noch einmal zu gebrauchen...) erfasst sind. Das war
ja gerade Ulrichs und mein Ehrgeiz! Die aufgeführten Daten dürften (bis auf etwaige Druckfehler) in Sachen Marvels in Deutschland KORREKT & VOLLSTÄNDIG gewesen sein!!!
Und in Sachen Fußnoten geht's mir eigentlich um den Leserservice, den man bei MD vom Start weg
hätte bieten können; nur deshalb - für den Sammler (bin ja selber einer) - habe ich damals bei Condor jede erdenkliche Gelegenheit genutzt, auf die alten Ausgaben bei BSV und Williams zu verweisen, was mit ein
Grund für die Erstellung der Checklisten war (sonst hätte ich die Daten ja nicht zur Hand gehabt)... und, wie, unsere DIE SPINNE-Alben von McFarlane und Larsen waren nicht definitiv?! Sofort gebracht, umfangreiche
redaktionelle Begleitung in Form zahlreicher Sachtexte, Albenformat, ungekürzt und anständig übersetzt - in meinen Augen die größte Leistung von Condor in meiner redaktionellen Zeit!!! - - Aber nochmals:
PEACE... man wird älter, sanfter und sympathiehungriger... und die optisch ansprechenderen Marvels macht ja wohl zweifellos Marvel Deutschland!
Was hast du denn bei Condor außer Übersetzungen noch alles so gemacht?
Nun ja... in den ersten Jahren habe ich noch Vorschläge für neue Serien und Reihen in
verbesserter Ausstattung gemacht, aber als die Reaktion ausblieb, konzentrierte ich mich auf das Vorhandene - und versuchte zum Beispiel wegen des langen Erscheinungsrhythmus der Comic-Taschenbücher, die einzelnen
Bände inhaltlich möglichst geschlossen zu halten.
Außerdem war ich für den Start der TRANSFORMERS sowie einige Comic-Sonderausgaben wie das
TERMINATOR II-Filmheft und die Beantwortung der Leserbriefe sowie die Gestaltung der redaktionellen Seiten bei den Marvel-Objekten zuständig, soll heißen: Ich schrieb die Seite 2 und den größten Teil der
Sachartikel. (Schon mal was von einem gewissen Michael Landmann gehört? Das Pseudonym benutze ich schon seit über 20 Jahren, wurde damals für Science-Fiction-Artikel im "Perry-Rhodan-Magazin" ins Leben
gerufen. Und Mevlut Adigüzel, Mehmet Nehmet, Masaki Sohno und Britta Zudelhutz kenne ich auch, als wären sie ein Teil von mir - kicher...)
Übrigens - nur der Vollständigkeit halber und um kurz (ohne Tränen!) den
Windmühlenflügelkampf des einsamen Redakteurs anklingen zu lassen - ich habe seinerzeit heftigst versucht, im DIE SPINNE-Heft eine Leserseite ins Leben zu rufen, die aber zugunsten von Eigenwerbung immer wieder
weggeklotzt wurde, bis man schließlich ganz darauf verzichtete. Marvel USA war nämlich unzufrieden mit der Präsentation der Serien (kein Wunder, litt ja auch der Verkauf drunter...) - also musste mehr Werbung her.
Mein größter Erfolg: Freie Seiten in Heft, Album und Tb wurden ansonsten aber fast immer mit
eigens bestellten Pin-ups gefüllt... das war schon eine seltsame Zeit...
Ich wusste schon immer, dass ich nicht der einzige Mensch mit gespaltener Persönlichkeit sein
kann. Deine Sachartikel fand ich übrigens immer reichlich genial und gut recherchiert. Du bist zu einem nicht geringen Teil daran mit schuldig, dass ich die Menschheit gelegentlich selbst mit solchen Artikeln
traktiere.
Echt? Das erinnert mich an mein Alter... ja, bei den Artikeln habe ich damals vorwiegend auf
"Marvel Age", "Amazing Interviews" oder so ähnlich, "Comics Journal" und auch schon "Wizard" zurückgegriffen... 'ne Menge Zeug!
Aber weiter, es geht hier ja nicht um mein ohnehin schon sehr aufgeblähtes Ego und meine
bizarren Zeitvertreibe. Jedenfalls nicht ausschließlich.
Stimmt, es geht um meine. Dass du prima Heftromane und dergleichen schreibst, weiß die Welt ja
schon, der Rest würde nur zu einem panikartigen Aufruhr führen - also her mit den Fragen... ich muss aufholen!
Du warst als Übersetzer dafür verantwortlich, dass sich beispielsweise Captain America oder
Spider-Man wortkarger geäußert haben, als dies in den Originalheften der Fall war.
Ja.
Selbstmurmelnd, dass zum überwiegenden Teil einfach der mangelnde Platz in den Sprechblasen
der Taschenbücher dafür verantwortlich war.
(Nagula nickt)
Wie standest du selbst als Fan zu der ganzen Sache? Hat es dich gelegentlich genervt, wichtige
und unterhaltsame Dialoge der Helden wegen Platzmangel unter den Tisch kehren zu müssen und durch stellenweise recht eintönige Lautmalereien zu ersetzen?
Ich versuch's auf den Punkt zu bringen: Chris Claremont habe ich gehasst! Als deutscher Texter
der Condor-Marvels blieb mir bei der Taschenbuch-Produktion ja nichts weiter übrig, als die Originalseite zu lesen und mir mehr oder weniger sinnträchtige Dialoge auszudenken - bei Claremont war das schlichtweg
unmöglich. Seine Blasen auf Tb-Format verkleinert ließen nur Dialoge zu wie: He! - Ja? - Du! - Was? - Hier! - Oh! - Urks! - - Nein, das hat mir nicht gefallen, aber ich wurde darin ein Genie!!!
Trotzdem: Als Fan fand ich diese Art Texten zugegebenermaßen katastrophal, aber ich war ja
ohnehin schon recht bald zu der Überzeugung gelangt, daß Übersetzungen bei diesen Objektformaten gar nicht machbar sind. Es konnte nur darum gehen, die Handlung zu transportieren und möglichst viel Gaudi in den
Text zu bringen, denn das Lesen der Taschenbücher sollte ja Spaß machen. Fun a gogo!!! Richtiges Übersetzen war nur in den größerformatigen X-MEN-Magazinen und DIE SPINNE-Alben möglich, was ich dort auch tat -
besonders gern bei den schon erwähnten Stories von McFarlane und Larsen!
Einen Mittelweg habe ich dann bei den DIE SPINNE-Heften beschreiten können, die in den letzten
Jahren ja dieses geschwungene Maschinenlettering bekamen, so dass sich die Schriftgröße ein wenig variieren ließ.
Bei wichtigen Dialogen, die große Bedeutung für den Fortgang der Handlung hatten, habe ich mich
allerdings immer bemüht, eine Lösung zu finden, die mit der Handlung im großen weiten Marvel-Universum übereinstimmt - - - und sei's, daß der Held oder Schurke später in einer größeren Gedankenblase die
wichtigen Zusammenhänge noch mal durchdenkt.
Es kam nicht selten vor, dass manche Ereignisse, wie beispielsweise der Tod Harry Osborns
vollkommen verfälscht dargestellt wurden. Auch hat man oft Querverbindungen unter den Geschichten herzustellen versucht, welche im Original überhaupt nicht vorhanden waren.
Mal von den kaufmännischen Überlegungen abgesehen: Was war der Grund? Waren die damaligen
Leser nicht "reif" genug, eine Story mitzuverfolgen, die sich über mehrere Bände hinzog oder gar entsprechendes Vorwissen erforderte?
Nö, das hatte nix mit Reife oder mangelnder Reife zu tun. Es lag einfach daran, dass ich die
Erscheinungstermine der diversen Marvel-Objekte aufeinander abstimmen musste. Das heißt, es galt das GRUPPE X-Taschenbuch (6-monatlich) und das DIE NEUEN X-MEN-Magazin (2-monatlich) zu koordinieren, da die Handlung
noch von der übernommenen Einplanung her chronologisch durch beide Objekte gezogen wurde; außerdem mussten die stark verschoben laufenden US-Serien "Avengers" und "West Coast Avengers" sogar
innerhalb der RÄCHER-Taschenbücher zueinander geführt werden, weil kurz nach meinem Einstieg John Byrne beide Serien übernahm und ineinander greifen ließ - daher die streckenweise so wenigen
"Avengers"-Episoden in den Tbs!
Na, und das DIE SPINNE-Heft (monatlich), das DIE SPINNE-Album (4-monatlich) und das DIE
SPINNE-Taschenbuch (3-monatlich), die bei meinem Einstieg als Redakteur eine durchlaufende Handlung aufwiesen (angesichts der verschiedenen Blasengrößen und Textmöglichkeiten der helle Wahnsinn!), musste ich
anfangs auch solchermaßen "quer laufend" übernehmen, wobei ich aber so schnell wie möglich (Vorlauf immerhin 1-2 Jahre!) separate Chronologien innerhalb der Formate einführte.
Der Abstand zwischen den Taschenbüchern einer Serie war mit meistens vier Monaten, bei den X-MEN
anfangs sogar einem halben Jahr, einfach so gigantisch, dass ich manchmal auch versuchte, textlich einen Abschluss herbeizuführen, wo es eigentlich keinen gab. Horror-Beispiel: DIE GRUPPE X, die mitten in der
Handlung von "New Mutants" gecancelt wurde, was ich erst während der Übersetzung des letzten Taschenbuchs erfuhr - meine Lösung war kurzschlussartig und grauenhaft, der Leser möge mir vergeben!
Manchmal habe ich aber auch kurze Episoden von nur wenigen Panels Länge aus den Tbs anders
erklärt als im Original, um die Leser nicht unnötig auf in Deutschland nicht erschienene Serien oder Handlungsstränge zu verweisen, etwa Abstecher zu "Quasar" oder "Solo Avengers"; da habe ich
zur Not (und aus Werbung) bisweilen mal in ähnlicher Manier wie Marvel/USA auf eine Handlung in einem etwa im gleichen Zeitraum erscheinenden Condor-Objekt Bezug genommen, denn irgendwas musste da ja stehen - - und
Werbung kann kein Verlag je genug haben!
Heute weiß ich, daß ich hätte versuchen sollen, am Original zu bleiben, aber erklärende
Zeilen etwa am unteren Buchrand wurden vom Verlag nicht gern gesehen, weil bei der Zweitverwertung, bei der mehrere Titel zusammengeklebt neu ausgeliefert wurden, der neue Schnitt gerade durch den Text am unteren
Seitenrand gehen konnte. Wohin also mit den Erklärungen?
Klingt einleuchtend. Das sind natürlich auch viele Faktoren, die dem Gelegenheitsleser meist
eher unbekannt waren.
Seufz... ja (zitternde Hände) nächste Frage bitte...
Ich habe vorhin im Comic-Forum mal einen Aufruf an alte Fans gestartet, auch selbst ein paar
Fragen an dich zu stellen, die ich hier mit einbauen kann. Die Resonanz darauf war bisher gar nicht schlecht, ein paar recht interessante Fragen bringe ich doch gleich mal an den Mann.
Nur zu...
Wie kam es überhaupt zu der Entscheidung, die Comics in Taschenbuchform zu veröffentlichen?
Die damit verbundenen Nachteile waren ja wohl schon vorher abzusehen.
Genau weiß ich das nicht, war nämlich lange vor meiner Zeit, aber ein Argument, das ich immer
wieder hörte, war: Im Comic-Taschenbuch gibt's massig Lesestoff für wenig Geld!!!
Und irgendwie stimmt das ja auch: sieben Originalhefte für, ich glaube, DM 5,80. Das ist
bis heute unerreicht...
Klar, die Hefte konnten durch die Verkleinerung nicht richtig übersetzt werden, aber dafür
wurde der deutsche Leser schnell über den Verlauf der wichtigsten laufenden US-Serien informiert - darum war mir die Beibehaltung der Chronologie innerhalb der einzelnen Serien ja auch so wichtig!
Das Preis/Leistungsverhältnis war auch für mich der Grund, warum ich mir damals alle
Condor-Veröffentlichungen kaufte, obwohl ich gleichzeitig als US-Sammler die meisten Stories schon kannte. Zur Chronologie habe ich gleich noch weiter unten eine Frage. Aber erst das hier:
Wessen Entscheidung war es, von vielen vormals eingedeutschten Namen einiger Helden und
Schurken wieder abzukommen und wieder die originalen Bezeichnungen aus den US-Heften zu verwenden? Und wie viel Einfluss hattest du selbst auf solche Sachen?
Diese Entscheidung habe ich getroffen, weil englisch bei Tarnnamen einfach besser kommt. Ich hab
das so in die Manuskripte geschrieben, und der Verlag hat stillschweigend mitgezogen...
Was veranlasste Condor, ausgerechnet bei Amazing Spider-Man #150 mit der Neuveröffentlichung
zu beginnen?
Ich glaube, wenn man einen tieferen Sinn dahinter vermutet, liegt man völlig falsch.
Möglicherweise war einfach nicht bekannt, mit welcher Ausgabe genau der Williams-Verlag die Serie einstellte, oder die Farbvorlagen vor Heft 150 waren gerade nicht zur Hand - - ich weiß es nicht! Vielleicht war's
auch einfach nur Zufall, nach dem Motto: Das ist 'ne schöne runde Zahl, da steigen wir ein!
Viele Leser forderten lautstark die Veröffentlichung der Hefte #137-149. Auch der Wunsch nach
einer deutschen Ausgabe von Secret Wars war relativ oft zu hören. Waren die Verkaufsaussichten für diese Hefte zu gering?
Ja, das lag an den Verkaufsaussichten. Als Leserbriefonkel bekam ich praktisch jede Woche
Anfragen nach "Secret Wars" oder den fehlenden "Amazings". Die gab ich natürlich weiter, und in den ersten Jahren erklärte der Verlag mir auch immer wieder, daß man diese Hefte bei guter
Verkaufslage als Sonderedition im Sammel-Hardcover oder Schuber herausbringen wollte, aber als nichts passierte, versuchte ich so ab 1993 herum, diese Hefte als Zweitstory irgendwo einzuplanen.
Nur klappte das leider nicht, weil zu der Zeit in den USA schon unglaublich viel
Spider-Man-Material produziert wurde, und das wollte ich möglichst alles ganz schnell bringen - also musste ich diese "Classic"-Ausgaben, wie ich sie für mich nannte, immer wieder schieben, bis Condor
die Lizenz nicht mehr verlängert bekam. - Bei Conan hat's übrigens geklappt! Da enthalten die letzten paar Taschenbücher als "Classic Conan" fast alle zuvor nicht gebrachten "Conan the
Barbarian"-Folgen von Roy Thomas!
Welche Serien verkauften sich während der Condor-Ära am Besten? Kannst Du eventuell eine
"Top-3" und eine "Flop-3" nennen?
Sorry, kann ich eigentlich nicht. Ob du's glaubst oder nicht, der Verlag hat mir gegenüber nie
Verkaufszahlen genannt. Das war wohl top secret oder so. Aber ich bekam Tendenzen mit; es war natürlich allgemein bekannt, daß DIE SPINNE in all ihren Erscheinungsformen (Heft, Album, Taschenbuch) DER Renner war,
anfangs wohl dicht gefolgt von der GRUPPE X, was sich aber Ende der Achtziger ziemlich rasch änderte.
Deshalb hat man 1989 das DIE GRUPPE X-Magazin auch in DIE NEUEN X-MEN umgetauft und mit neuer Nr.
1 gestartet, doch das konnte seine endgültige Einstellung 1992 nicht verhindern. - Na ja, und die anderen Taschenbücher bewegten sich so im Mittelfeld, jedenfalls hatte ich diesen Eindruck, also CAPTAIN AMERICA
und HULK, die FV sowieso, DIE RÄCHER schleppten sich mühsam dahin... aber das absolute Schlusslicht bildete eindeutig CONAN; dass das nicht früher eingestellt wurde, ist ein wahres Wunder...!
Und wie sah das bei den Graphic Novels aus?
Oh, die liefen anfangs wohl erste Sahne, Sachen von Wrightson, Byrne, später Romita und Charles
Vess, aber dann blieb qualitäts- und mengenmäßig der Nachschub aus. Ich erinnere mich noch an die vielen Telefonate darüber, ob man den einen oder anderen Band wirklich bringen sollte, z. B. bei der Dr.
Strange-Graphic Novel, die wir dann ja auch bleiben ließen, oder dem X-Men-Cartoon-Album, das den Comic zu einem nur auf Video veröffentlichten Zeichentrickfilm enthielt.
Man hat's auf Verlagsseite immer wieder versucht, wir waren alle Fans dieser Reihe, aber zuletzt
waren an brauchbaren Graphic Novels nur noch Conan-Sachen vorhanden; deshalb auch dieser Conan-Block aus quasi übriggebliebenen Graphic Novels am Ende... und dann, na ja, Barbaren-Schicksal siehe oben...
Kommen wir noch mal zur Chronologie. Gerade bei Serien wie z.B. "Thor" fiel extrem
auf, dass die Stories scheinbar vollkommen wahllos und ohne irgendeine Kontinuität publiziert wurden.
Nach welchem Schema ging man dabei vor? Wählte man die subjektiv besten Geschichten aus oder
gab es vom US-Verlag irgendwelche Vorgaben?
Es gab nie Vorgaben von Marvel, nur zuletzt bemängelten sie, dass zu wenig Werbung für ihre
Comics gemacht werde - das waren so die letzten Zuckungen angesichts der sinkenden Auflagen bei Condor. Aber der Lizenzvertrag beinhaltete, dass die Hauptserien, die titelgebend für eigene Reihen waren, durch
Zweitstories ergänzt werden konnten, bei denen man das gesamte Marvel-Material plündern durfte, und "Thor" war viele Jahre lang nur als Zweitstory gedacht, als Lückenfüller im DIE SPINNE-Heft und dann
im Tb, so ein bisschen nach Williams-Vorbild.
Da legte man natürlich viel Wert auf in sich abgeschlossene Geschichten, die auch noch
möglichst gut sein sollten. Man hat sich eben ein paar Sachen herausgepickt. Das war auch in den THOR-Taschenbüchern noch der Fall, nur wollte hier natürlich keiner auf den genialen Run von Walt Simonson
verzichten!!! Gott sei Dank, finde ich; die letzten Folgen habe ich dann noch zur Übersetzung bekommen, und das hat trotz der Winzblasen enorm viel Spaß gemacht.
Das glaube ich. Wie war eigentlich der damalige Kontakt zu Marvel-US?
Lizenz eingeholt und fertig; inhaltlich gleich Null.
Welche Story fandest Du persönlich am Besten? Und bei welcher fiel Dir die Übersetzung aus
irgendwelchen Gründen am Schwersten?
Wie gesagt, Chris Claremont fiel mir immer am Schwersten, weil er einerseits so wortkarg und
andererseits so ein Schwafler ist - und oft auch gar nicht genau weiß, wo er mit seiner Schwafelei eigentlich hin will. Genial waren natürlich die HULK-Folgen von Liam Sharp und Robin Riggs, aber meine
persönlichen Favoriten waren neben Romita und später Tom Lyle vor allem McFarlane und Larsen (deshalb brachte ich sie ja auch als eigenständige Editionen im DIE SPINNE-Album), und dann noch die "New
Mutants" von Bill Sienkiewicz oder wie der sich schreibt (das musste ich schon damals immer nachschlagen).
Jahrelang wartete ich auch auf eine Möglichkeit, die Miniserie "Comet Man" irgendwo
einzuplanen; die hatte es mir angetan - zugegeben, eine Schnapsidee, und es kam ja auch nicht mehr dazu. - - Aber mein ganz persönliches Highlight waren - absolut konkurrenzlos! - die "Daredevils" von
Miller/Mazzuchelli, mit denen meine Begeisterung für die amerikanischen Marvels 1986 ja erst begonnen hatte. Mann, die finde ich bis heute spitze!
Als ich die Condor-Marvels übernahm, waren sie leider schon im Taschenbuch eingeplant, aber die
letzten zwei, drei Hefte konnte ich noch ins DIE SPINNE-Heft hinüberretten!
Als sich Condor damals um die Marvel-Lizenzen bemühte, gab es da auch noch andere Mitbewerber
oder war Condor allein interessiert?
Keine Ahnung, das war lange vor meiner Zeit. Aber Williams war ja gerade mit wehenden Fahnen
untergegangen - - ich glaube nicht, daß es da viele Interessenten gab.
Weiter oben hast Du kurz das Maschinenlettering angesprochen, welches die größerformatigen
Hefte erhielten. Gab es damals einen bestimmten Grund, warum man sich nicht für das in den US-Heften übliche Handlettering entschied?
Money, money, money. Handlettering bedeutet eine Person mehr in Lohn und Brot, und den
Kostenfaktor wollte man einsparen. Klar hätte das die Qualität erhöht, aber bestimmt nicht die verkaufte Auflage. Und dann gab es noch das Problem, dass die Schrift fürs Taschenbuch zu dünn gewesen und die
Lettern herausgebrochen wären. Also wurde maschinengelettert!
Ja, auch ziemlich einleuchtend. Okay, lass uns mal ein wenig aus der Vergangenheit in die
Gegenwart wandern. Womit verdient Michael Nagula denn heutzutage seine Brötchen?
Ich backe. Ich backe Übersetzungen. Für die "Excalibur"-Reihe von Droemer Knaur habe
ich in den letzten paar Jahren zehn Wälzer übersetzt, zuletzt mehr als dreieinhalbtausend Seiten eines genialen sechsbändigen Fantasy-Epos von John Marco: "Das Imperium von Nar".
Für Goldmann/Blanvalet übersetze ich regelmäßig die Aliens-Titel - besonders die von Robert
Sheckley und S. D. Perry waren mir ein Genuss! - und die Cyberpunk-Romane von Alexander Besher, bisher drei. Auf dem Comicsektor arbeite ich schon seit 1990 für den Ehapa-Verlag und mache vorwiegend Entenstories;
da findet man mich regelmäßig in der "Micky Maus" und im "Lustigen Taschenbuch". Besonders stolz bin ich bei Ehapa auf die 36 Hefte des Mädchencomics "Arielle"; das hat wirklich
unglaublich viel Spaß gemacht!
Und für Dino mache ich nach "Die Maske" und "Xena", die leider vom Start weg
den Bach runtergingen, einem "Batman"-Lückenfüller und "Wonder Woman" jetzt mit größter Begeisterung "Star Wars" und "Star Trek" - auch als maßlos engagierter
Leserbriefonkel! (Stimmt doch, Jo und Mathias, oder nicht? Boshuda, ihr Krayts!!!)
Wie beurteilst du die derzeitige Situation des Comic-Markts in Deutschland? Fallen dir
irgendwelche eklatanten Missstände auf oder gibt es Dinge, die du gerne verändern würdest?
Mir fällt auf, dass nach dem Superhelden- und allgemeinen Heftchenboom der letzten Jahre jetzt
offenbar wieder das Erzählen gefragt ist. Das freut mich natürlich sehr, weil das immer die erste Voraussetzung für Qualität ist. Aber es geht natürlich auch mit einem Einbruch des Marktes einher, und so etwas
bedroht irgendwie auch immer ein wenig meine Existenzgrundlage.
Also, Leute: Kauft Comics! Steigert die Auflage!! Ernährt die Übersetzer!!!
Mal abgesehen von den Heften, an denen du redaktionell oder als Übersetzer mitarbeitest:
Welche Serien liest du derzeit noch selbst?
ABC, ABC, ABC - - alles aus der genialen Hirnschmiede von Alan Moore! Auch "Astro City"
ist für mich ein Muss! Ich liebe Garth Ennis - - jedenfalls im übertragenen Sinne. Von den Europäern bin ich eigentlich nur Moebius treu geblieben, na ja, und manchen Sachen von Hermann und Yves Chaland.
Was ist deiner Meinung nach die derzeit schlechteste Serie auf dem Markt?
"Kiss"!
Jeder von uns hat sein absolutes Lieblingsheft oder seine Lieblings-Storyline, die er immer
wieder lesen kann, ohne dass es ihm dabei langweilig wird. Was ist deine?
"Watchmen". Ach ja, und "Lurchis Abenteuer" - die habe ich in meiner
frühesten Kindheit immer im Schuhladen eines großen Einkaufzentrums gelesen! Ich hatte sogar den original Lurchi als formbare Plastikfigur (steckten Drähte drin) - - - eine Action-Figur, bevor's dieses Wort gab!!!
Verdammt. Jetzt hast du gerade wieder einen Nostalgieflash bei mir ausgelöst. Ich hatte diese
wundervolle Figur damals auch. Sowohl die Variante zum Biegen mit den Drähten, als auch die ganz gewöhnliche normale. Und Mecki, dieser wirre Igel war auch dabei... Wo ist sie nur hin, meine Jugend? (Schluchz!)
Aber weiter im Text.
Wer ist für dich der einzig wahre Hobgoblin? Ned Leeds oder Kingsley, diese Laus?
Wer mag schon Läuse...?
Ich habe diese Frage nicht umsonst so suggestiv gestellt, hehe.
Weiterhin interessiert mich natürlich auch sehr, wen du als deinen Lieblingsautor erachtest.
Sowohl im Comic-, als auch im Buchbereich.
Nun ja, zur Zeit lese ich "Nur dass ich ein Mensch sei", eine ungeheuer empfehlenswerte
Kant-Biographie von Jugendbuchautor Arnulf Zitelmann, die bei Beltz & Gelberg erschienen ist, John Sauls "Blackstone-Chroniken" und den Ren Dhark Roman "Der Schwarze Götze" von Conrad
Shepherd, bei dem ich immer bedauert habe, dass er bei Perry Rhodan und Atlan nur jeweils drei Folgen verfasst hat. (Ich lese fast immer parallel...)
Meine absoluten Lieblingsautoren - jetzt schlag mich nich', is' echt wahr - sind aber Heinrich
von Kleist, Goethe und Gustave Flaubert, na ja, mit einem Schuss Edgar Allen Poe und Ambrose Bierce, aber bitte in den Übersetzungen von Arno Schmidt bzw. Gisbert Haefs.
Ach ja, und die Kipling-Edition des Letzteren und seine eigenen Bücher sind auch Spitze... nicht
zu vergessen Charles Dickens (am besten übersetzt von Gustav Meyrink), der Erfinder des Lieferungsromans, den wir heute als Heftroman kennen und den Stephen King in den USA mit "The Green Mile" neulich
wieder aus der Versenkung holte (Sauls "Blackstone" ist ein Nachzieher dazu). - Auf dem Heftchensektor ist für mich Willi Voltz unschlagbar; er hat mich zum Schreiben gebracht und immer wieder angespornt
- als ich in der "Bild"-Zeitung den Aufmacher von seinem Tod sah, war ich fix und fertig!
Clark Darlton ist für mich sehr wichtig (hoch die Tassen, Walter! auf Harno und Ernst Ellert!),
und K. H. Scheers "ZBV"-Serie. Heute ist Robert Feldhoff für mich erste Sahne... (Du siehst schon, ich bin ein alter "Rhodan"-Junkie, hat mich in den Siebzigern halt geprägt, die Serie, muss ja
seinen Grund haben, dass ich einige ihrer Autoren Spider-Man-Stories schreiben ließ - - Robert, Susan Schwartz, Arndt Ellmer, den unvergessenen Peter Griese - - nachzulesen in den letzten DIE SPINNE-Alben und
Heften!) - - - und meine Favoriten auf dem Comic-Sektor?
Alan Moore sowieso, Neil Gaiman gelegentlich, Carl Barks immer wieder, Bill Sienkiewicz, Frank
Miller, David Lapham, Felicien Rops, Hergé, Franquin, Grandeville, Robert Gernhardt, E. O. Plauen... doch zurück zum Buch!!! Lewis Carroll muss man gelesen haben (möglichst die Übersetzungen meines
Anglistik-Profs Klaus Reichert, einem der verkannten Genies in Deutschland!), James Joyce, der ist nämlich gar nicht so schwierig, wie die Welt immer tut, Italo Svevo, Beckett, GANZ VORN: FLANN O'BRIEN,
eingedeutscht von Harry Rowohlt, auch wenn der Kerl eine Ratte ist, alles von Ulrich Blumenbach Übersetzte ist IMMER unglaublich spannend, weil der früher Synchronübersetzer für Film und Fernsehen war, und das
merkt man einfach, Kinky Friedman hat er zum Beispiel gemacht; Daumen hoch auch für manches von Thomas Pynchon und Julian Barnes ("Flauberts Papagei"), und NATÜRLICH PHILIP K. DICK!!!
Dann noch Stanley Ellin, Thomas Harris, Walter E. Richartz... Ich könnte ewig so weitermachen...
Karl May ist ein großer Einfluss, Hans Dominik und "Hellströms Brut" von Frank Herbert, Jack London, Synge, Swift, Sterne; ich liebe einfach Bücher und Comics, ich liebe alle Genres und beurteile eine
deutsche Ausgabe immer auch nach der Qualität des Übersetzers!
Ich habe gerade weiter unten gesehen, dass du die Fortsetzungen von Blade Runner übersetzt
hast. Uhm... Hau mich jetzt nicht, aber tat es dir nicht in der Seele weh, diese garstige Vergewaltigung des ersten Blade Runner-Films und der Dick-Story bearbeiten zu müssen?
Überhaupt nicht! Ich war viel zu stolz darauf, die Fortsetzungen von Dicks Roman "Träumen
Androiden von elektrischen Schafen?" übersetzen zu dürfen! Zugegeben, die Sprache des Autors ist recht quarzig, er kommt auch irgendwie nicht vom Fleck, und dass das Ganze schließlich auf dem Mars endet und
eine weitere Flucht des letzten Blade Runners in die Tiefen des Alls bevorsteht (mieser Cliffhanger nach Flash-Gordon-Art!) fand ich absolut nicht berauschend.
Aber allein am Mythos Dick mitbasteln zu dürfen, macht mir jederzeit riesige Freude. Ich habe
ca. 1988 bei Luchterhand eine Dick-Sammlung mit deutschen Erstveröffentlichungen herausgegeben, etwas im Magazin "Der Rabe" über ihn gemacht und Laurence Sutins geniale Dick-Biographie "Göttliche
Überfälle" übersetzt, deren 100-seitiger Anhang von mir bis heute die umfassendste deutsche Dick-Bibliographie bildet! Irgendwann, wenn der Haffmans-Verlag mal wieder genügend Geld hat, kommt dann ja
vielleicht auch meine definitive Neuübersetzung von "Martian Time-Slip", die denen seit 1998 als "Marsianer Zeitsturz" vorliegt!
Was sind denn die drei Dinge, die du auf die berühmte Insel mitnehmen würdest?
Meine Frau Antje, meinen Stoffaffen (der so alt ist wie ich und quiekt, wenn man ihm auf den
Bauch drückt) (wie meine Frau übrigens) und meine "Phrasen-Dreschmaschine" aus der Wortspielhölle des Übersetzer-Kollegiums Straelen. Die produziert nach dem Zufallsprinzip so wundervolle Worte wie
"freudige Kulturergriffenheit" oder "tiefe Wesensbewältigung"; in der progressiven Variante auch mal "systematisierte Identifikationsflexibilität". So viele Permutationen hält kein
Buch bereit - nimmt man meine Frau noch hinzu, wird's mir auf der Insel sicher nie langweilig!
Gibt es irgendeine historische oder noch lebende Persönlichkeit, die du verehrst?
Die Patina der Verehrung blättert ab, je älter ich werde; ich habe vor vielen Menschen und
ihrer Leistung größten Respekt, aber Verehrung... wofür? Im Grunde kann keiner aus seiner Haut; jeder spult nur sein Programm ab. Freud nannte das Sublimation, ich nenn's "tiefe Wesensbewältigung", die
zu "freudiger Kulturergriffenheit" führen kann...
Alright. Ich würde sagen, wir schließen das Interview an dieser Stelle mal, bevor die Leser
einen Kulturschock bekommen, weil sie von so vielen Buchstaben überschwemmt werden. Ich danke dir hiermit noch einmal ausdrücklich für deine Teilnahme und deine sehr aufschlussreichen Antworten. Hat mir sehr gut
gefallen, unser kleines Gespräch. Wenn du willst, hast du nun noch Gelegenheit für ein paar abschließende Worte an die Welt da draußen.
Make love and peace - - and feed dolphins!
THE END
So, liebe Kinder.
Damit ihr euch noch ein Bild machen könnt, was Michael ansonsten während seines Daseins so
alles verbrochen hat, ließ ich mir von ihm noch ein paar genauere Daten geben, die ich hier als kleinen Zusatz zum Interview nachreiche.
Vielleicht sieht ja der Eine oder Andere von euch darin ein paar Anregungen, was man so alles mit
seiner Zeit anstellen kann, wenn man gerade keine Lust auf einen Bankraub oder vergleichbare Aktivitäten hat. (sk)
LEBENSLAUF
Michael Nagula, geb. am 2.11.1959 als Sohn deutsch-ungarischer Eltern in Hohenlimburg (heute
Hagen). 1966 Umzug nach Schwalbach-Limes bei Frankfurt am Main. Allgemeine Hochschulreife, ab 1980 vier Semester Studium der Rechtswissenschaften an der J.W.Goethe-Universität, davon zwei in Kneipen, dann Wechsel
zu Germanistik mit den Nebenfächern Anglistik, Philosophie, Psychoanalyse (im Rahmen der Sozialwissenschaften). Bis 1984 parallel zum Studium Jobs u.a. als Speditionsfahrer und Eilkurier (London, Mailand, Wien,
Paris, Amsterdam).
1986/87 zwei Semester als German Assistant Teacher am Eton bzw. Rugby College in England. Mehrere
Irland-Aufenthalte; seitdem anhaltende Beschäftigung mit irischer Literatur (Laurence Sterne, James Joyce, Flann 0'Brien, Liam 0'Flaherty). 1990 Japan-Aufenthalt als Dolmetscher für den Kölner Künstler Jürgen
Wolf. Saxophon-Unterricht bei der Frankfurter Jazz-Koryphäe Alfred 33 Harth.
Mehrere Vorträge über Psychoanalyse bzw. Virtuelle Realität und ihre Wechselwirkung in Köln,
Frankfurt und Berlin; Übersetzer und Autor mit Hauptwohnsitz Hanau und Arbeitsaufenthalten in Ungarn.
BERUFLICHER WERDEGANG
1975 durch "Perry Rhodan" Interesse an der Science-Fiction geweckt, später auch an
Fantasy und Horror. Umtriebe in der Fanszene und Mitarbeit an diversen Fan-Publikationen. Herausgabe des Fanzines "Think Over", dem 15 Ausgaben des SF-Nachrichtenblattes "Colloquium" folgten.
1976 erste Honorarveröffentlichungen von Sachartikeln mit Schwerpunkt Science Fiction und Fantasy.
1977 bis 1981 zehn SF- und Grusel-Heftromane für Moewig ("Terra Astra") und
Zauberkreis ("Silber Grusel Krimi", "Macabros"), letztere unter den Namen Dan Shocker und Maik Caroon (z.T. ins Holländische übersetzt). 1978 bis 1981 regelmäßige Mitarbeit am
"S.F.-Perry-Rhodan-Magazin", dabei erste Redaktionserfahrung.
Inzwischen liegen - auch zu den Themen Comic, Film, Musik, Theater, Psychiatrie - bei diversen
Verlagen ca. 400 Artikel, Rezensionen, Einleitungen und Nachworte vor. 1978 bis 1990 Buchübersetzungen für Bastei-Lübbe, Boje, Heyne, Luchterhand, Moewig und Ullstein, darunter Storysammlungen von Arthur C.
Clarke, Philip K. Dick, George Alec Effinger, Michael Moorcock und Christopher Priest sowie ein Jugendlexikon.
1979 bis 1990 Herausgabe von 22 Anthologien zu den Themen Krimi, Cyberpunk, DDR-SF, No Future und
Liebe 2000 bei den Verlagen Heyne, Luchterhand, Otto Maier, Moewig, Sphinx und Ullstein, darunter "Fenster ins Licht" (1983; Abriss der DDR-SF), "No future - die Lust am Untergang" (1983; Texte
u.a. von Friedrich Dürrenmatt, Franz Kafka und Georg Heym), "Solange es Leben gibt" (1988; deutsche SF für Kinder u.a. von Gisbert Haefs und Thomas R. P. Mielke), "Siebenquant oder Der Stern des
Glücks" (1988; SF-Satiren aus der DDR); und "Atomic Avenue" (1990; Stories und Sachtexte zum Cyberpunk).
Zeitgleich redaktionelle Tätigkeit für Ullstein und Bastei-Lübbe; 1985 bis 1989 Berater des
SF-Programms bei Luchterhand. 1989 bis 1996 Redakteur und deutscher Texter des Marvel-Superheldenprogramms bei Condor-Interpart: "Die neuen X-Men", "Die Spinne", "Die Fantastischen
Vier", "Captain America", "Die Rächer", "Der Unglaubliche Hulk", "Conan der Barbar" etc. Seit 1990 Übersetzer des Ehapa-Egmont-Verlags für "Micky Maus",
"Mickyvision", "Micky Maus präsentiert", "Limit", "Lustiges Taschenbuch", "U.F.F. ", "Donald, Comics & mehr" und Sonderobjekte sowie
redaktionelle Arbeiten. 1989 bis 1995 Übersetzungen von Bildbänden und Comic-Alben u.a. für Carlsen, Feest, Alpha-Comic und Edition Kunst der Comics, teilweise unter den Pseudonymen Charlotte von Isenburg,
Claudia Schäfer und Digit P-3 (Star-Trek-Alben).
1994 bis 1996 Übersetzer der Zeitschrift "Arielle, die Meerjungfrau". Seit 1996 wieder
verstärkt als Romanübersetzer für Droemer Knaur, Goldmann/Blanvalet und Haffmans tätig, u.a. von Alexander Besher, Kirsten Britain, Philip K. Dick, John Marco, Robert B. Parker und Robert Sheckley sowie K. W.
Jeters "Blade Runner II und III" und einer umfangreichen Philip K. Dick-Biografie. Ebenfalls seit 1996 Übersetzer und Leserbriefredakteur für Dino Entertainment: "Die Maske", "Xena",
"Wonder Woman", "Star Wars" und "Star Trek". Mehrere Prosaveröffentlichungen, darunter ein Frauenroman, vorwiegend aber von SF- und Fantasy-Erzählungen, zuletzt in Marion Zimmer
Bradleys "Jenseits von Avalon".
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