X-Men - Der Film
Für die Splashpages mit den Augen eines Fanboys gesehen von Steve Kups
Das Medium der Superhelden-Filme ist inzwischen scheinbar erwachsener geworden, wenn man den
neuen Streifen des Regisseurs Bryan Singer als Maßstab nimmt. Sowohl die Atmosphäre des Films als auch die überwiegend sehr gut ausgewählten Darsteller lassen einen fast augenblicklich in die Welt der Mutanten
hineingleiten.
Die meisten Superhelden-Filme, die ich bisher gesehen habe, machten alle den gleichen Fehler. Sie
beschränkten sich fast ausschließlich auf Spezialeffekte, deren Wirkung auf der Leinwand zwischen spektakulär bis peinlich lächerlich rangierte. Anders bei X-Men.
Gewiss, auch hier gibt es eine Handvoll sehr gut gemachter Trickaufnahmen zu bewundern, welche
die Comicnähe der Verfilmung noch weiter vertiefen. Zu keinem Zeitpunkt wirken diese Effekte störend oder gar deplaziert, es wurde hierbei eine recht gute Auswahl getroffen.
Jedoch lebt diese Umsetzung der beliebten Helden natürlich nicht nur von den Tricks, sondern zu
einem sehr großen Teil von der hervorragenden Charakterisierung der Figuren, die ihren Vorbildern sehr eng nachempfunden wurden.
Anna Paquin ist eine absolute Traumbesetzung für Rogue.
Damit meine ich auch nicht die Sexbombe Rogue mit dem beachtlichen Vorbau, die heutzutage durch
die X-Comics geistert und mit meinem damaligen Lieblingscharakter nicht mehr viel gemeinsam hat.
Nein, Anna Paquin verkörpert die schüchterne, sehr unsichere Rogue aus ihrer Anfangszeit bei
den X-Men. Das ängstliche Mädchen mit den Kräften, die ihr selbst unheimlich vorkommen.
Gut, man hat natürlich ihre Herkunftsgeschichte für den Film ein wenig verändert, da das
Rätsel um ihren wahren Namen und ihre Vergangenheit mit Mystique nur für langjährige Leser der Serie Sinn ergeben hätte.
Aber eine Zelluloid-Rogue, die ihrem damaligen Comicvorbild näher ist, als die heutige
Comic-Rogue selbst, ist mir alle mal lieber als eine übertrieben sklavische Umsetzung eher unwichtiger Details. Und so hat das Mädchen im Film nun halt einen Namen, mir egal. Hauptsache, ich habe die niedliche
Mutantin wieder, die mir in den Heften damals so gut gefiel.
Über Hugh Jackman wurde hier und andernorts wahrscheinlich schon mehr geschrieben, als über
jeden anderen Mutanten-Darsteller.
Und alle sind sich irgendwie einig: Hugh Jackman ist Wolverine.
Der Körperbau, die Frisur, der düstere Blick und die Stimme, es passt einfach alles.
Okay, fast alles. Aus Kostengründen wurde die Art, wie seine Klauen ausgefahren werden, leicht
verändert, jedoch ohne dabei ein größeres Sakrileg zu begehen. Den meisten Gelegenheitslesern wird der Unterschied wahrscheinlich nicht einmal auffallen.
Ein paar Leute haben bemängelt, dass man den Film vielleicht lieber "Wolverine" hätte
nennen sollen, da der haarige Mutant einen Großteil der Screentime zur Verfügung gestellt bekam. So what? Von mir aus hätte der Film doppelt so lang sein und noch mehr Szenen mit ihm bieten können. Jeder
einzelne Augenblick, in dem dieser Mann auf der Leinwand zu sehen war, war ein absoluter Genuss.
Auch die Chemie bzw. Dissonanz zwischen ihm und den anderen Mutanten kam hervorragend rüber.
Sein eher respektloses Verhalten gegenüber Professor Xavier, seine offenkundige Zuneigung zu Jean Grey, seine Abneigung gegen den betont blasierten Scott Summers mit seinem spießigen Seitenscheitel. All dies
entstammte dem gezeichneten Vorbild und bereitete mir immenses Vergnügen.
Durch die zahlreichen Szenen, die es nicht mehr in die Endfassung des Films schafften, gewann
dieser deutlich an Tempo. Leider auf Kosten einiger sehr schöner Momente, welche dem Zuschauer die anderen Figuren wie Xavier und Cyclops noch etwas näher gebracht hätten. Ich hoffe, dass man bei einer
entsprechenden DVD-Veröffentlichung diese als Bonusmaterial doch noch zu Gesicht bekommt.
Eine relativ sinnlose Figur stellte für mich Toad dar. Gut, an den Trickeffekten für seine
Zunge (übrigens im Comic in dieser Art nicht vorhanden) gibt es nichts auszusetzen, seine wenigen Szenen wirken auch nicht störend, er trägt aber auch nichts Besonderes zur Handlung bei. Im Vergleich zu der
letzten großen Hauptrolle seines Darstellers Ray Park wirkt Toad jedoch geradezu als Musterbeispiel dafür, wie man selbst eine eher unwichtige Nebenfigur interessant und unterhaltsam ausbauen kann.
Ziemlich enttäuscht hat mich auch Sabretooth, der irgendwie nicht richtig zur Geltung kam. Seine
in den Comics vorhandene gemeinsame Vergangenheit mit Logan wurde hier vollkommen ignoriert. Lediglich die Sache mit Wolverines Army-Hundemarke könnte man hier als sehr oberflächlichen Hinweis darauf deuten. Ein
bisschen weniger computergeneriertes Raubtierknurren und ein paar gesprochene Sätze mehr hätten Sabretooth auf jeden Fall nicht schaden können.
Viel zu kurz leider hingegen die Szenen mit Mystique. Mal abgesehen davon, dass sie so gut wie
nackt war, fiel mir auch noch positiv auf, dass sie relativ wenig anhatte. Die dazu spärliche und kaum vorhandene Bekleidung war ein weiteres Plus.
In den Comics ist Mystique ein recht vielschichtiger Charakter, hier kaum mehr als ein blau
bemaltes Pinup-Girl mit großen Glocken. Irgendwie schade. Trotzdem alles in allem noch brauchbar für verschiedene Schlüsselszenen eingesetzt. Gelungen fand ich auch die zwar teilweise etwas lasch
choreographierten Kampfszenen zwischen ihr und Wolverine, die aber trotzdem insgesamt gut zu gefallen wussten. Erhoffe mir aber in etwaigen Fortsetzungen eine etwas differenzierte und gründlichere Darstellung der
Gestaltwandlerin.
Die Garderobe geht jedenfalls auch für Teil 2 in Ordnung, aber dann mehr Großaufnahmen, bitte.
Wenn wir schon mal bei der Garderobe sind: Klar, die engen und sehr unbequemen Lederklamotten
sind natürlich ein offenkundiger Rip-Off von Matrix, wie schon andernorts mit bewundernswerter Auffassungsgabe konstatiert wurde.
Und? Die Anzüge sehen klasse aus, unterstreichen das coole Feeling und wirken einfach um Welten
besser, als es mit originalgetreuen Umsetzungen der Fall hätte sein können. Wie auch Cyclops als kleinen Gag während des ersten gemeinsamen Einsatzes mit Wolverine bemerkt, als sich dieser über die für ihn
merkwürdigen Uniformen beschwert. Scotts lakonische Antwort: "What would you prefer? Yellow spandex?"
Magneto wird überzeugend als ein Mensch porträtiert, welcher als Kind eines der dunkelsten und
grausamsten Kapitel der vergangenen Jahrhunderte miterleben musste, nämlich das Dritte Reich. Ebenso glaubwürdig wirkte auch seine Angst, die Geschichte könnte sich nun wiederholen, indem die Mutanten von heute
in die Rolle der Juden der damaligen Zeit gedrängt werden.
Leicht kann man sich dabei ertappen, für diesen Antagonisten mehr als oberflächliche Sympathie
und ein gewisses Verständnis zu empfinden. Die Wahl seiner Mittel ist drastisch und relativ skrupellos, seine Ziele jedoch eigentlich hehr und auf das Wohl seiner Mitmutanten und der Menschheit ausgerichtet.
Sir Ian McKellen ist auch hier eine tolle Besetzung, wobei ich auch nicht weniger als einen
Shakespear-Actor seines Ranges als Widersacher für Patrick Stewarts perfekt gespielten Charles Xavier akzeptiert hätte.
Sehr schön fand ich auch die netten kleinen Details rund um und in Professor Xaviers Schule für
Mutanten. Hier ein paar Kinder, welche mit und ohne ihre Mutantenkräfte draußen spielen, dort ein Cyclops, der mit Hilfe von Jean Grey seine Fähigkeiten trainiert. Kurze Gastauftritte weiterer beliebter Figuren
wie Kitty Pride, Iceman Bobby Drake und Jubilation Lee runden das Ganze ab.
Die Kameraschnitte sind genau richtig gewählt, ruhig und stetig bei den wenigen langsamen,
stimmungsvollen Szenen, hektisch und hart sobald es mit der Action richtig zur Sache geht.
Auch die musikalische Untermalung verdient eine besondere Erwähnung, da sie den ohnehin oft sehr
eindrucksvollen Bildern noch das gewisse Etwas verleiht. Man merkt auch an netten kleinen Details, dass die Musik auch auf die jeweiligen Charaktere zugeschnitten oder angepasst wurde. Man beachte beispielsweise die
romanisch anmutende Streichmusik, mit welcher die Auftritte von Mystique unterlegt wurden. Ein kleines Bonbon für Kenner der Historie des Comicpendants.
Alles in allem bin ich mit der Verfilmung des berühmtesten Mutantenteams der Welt sehr
zufrieden. Eines der wenigen Mankos stellt für mich auf alle Fälle die mit knapp neunzig Minuten viel zu geringe Länge des Films dar. Eine derart gut realisierte Fassung spannender Superhelden-Action sehe ich mir
auch gerne auf drei Stunden verteilt an, wenn ich dafür mehr und detailliertere Einsichten in die Psyche der Mitwirkenden erhalte.
Auch hätte es mir gefallen, weitere beliebte Charaktere, wie Nightcrawler oder Colossus zu
Gesicht zu bekommen. Andererseits ist es natürlich auch sehr schwierig, bei noch mehr auftretenden Akteuren allen den jeweils notwendigen Stellenwert zukommen zu lassen.
So gesehen sind mir wenige, dafür besser in Szene gesetzte Hauptfiguren natürlich wesentlich
lieber und einem positiven Gesamteindruck zuträglicher.
Bevor mich nun jemand missversteht, weil ich den Film gerade so sehr über den grünen Klee lobe:
Ja, es ist mir durchaus bewusst, dass sowohl die Handlung als auch die Darstellung der darin
vorkommenden Personen alles andere als tiefgehend und intellektuell anspruchsvoll ist. Auch vollkommen überraschende und innovative Plot-Twists fehlen weitgehendst.
Ist mir aufgefallen. Na und? Ich habe von diesem Film nichts weiter erwartet, als eine gut
erzählte und optisch ansprechende Superheldengeschichte. Eine Story, die sich von den mir aus den Comics bekannten Elementen nicht all zu sehr unterscheidet und vertraute Figuren in ein anderes Medium portiert.
Dies alles hat X-Men - Der Film geschafft. Er hat mich gut unterhalten, fühlte sich auch für
mich als jahrzehntelangen Comicfanatiker "richtig" an. Ich werde mir den Streifen auf DVD kaufen und noch etliche Male mit dem selben Genuss ansehen und auch anderen Leuten zeigen, die mit Comics ansonsten
eher wenig am Hut haben. Ohne mich dabei wegen einer lausigen oder lieblosen Umsetzung eines meiner Lieblingshobbies schämen zu müssen.
Und das gelang bisher von all den Superhelden-Filmen, die ich in meinem Leben gesehen habe, kaum
einem so überzeugend, wie diesem.
Mehr davon bitte, liebes Hollywood!
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