|
27.02.2000 (22:14 Uhr) – Der lange, dunkle Seelentee gegen fünf Uhr
Das war einfach mal wieder ein Wochenende, an dem überhaupt nichts hinhaute. Nicht einmal der
Typ, der mir am Freitag kampfbereit in der Kneipe gegenüber stand. Ich habe keine Ahnung, wie viel er getrunken hatte, oder wer er eigentlich überhaupt war. Fühlte mich aber aufgrund der letzten zehn Whiskeys
irgendwie bemüßigt, eher geringschätzige Kommentare über das sexuelle Tagesgeschehen zwischen ihm, seiner Mutter und seinem Lieblings-Schaf abzulassen. Womit ich wohl irgendwie einen wunden Punkt berührt haben
musste, da er nach etwa einer Minute intensiven Nachdenkens plötzlich knallrot wurde.
Mit einem urigen Schrei sprang er auf und wollte sich mit geballter Faust und eingerolltem
Stiernacken auf mich stürzen. Was glücklicherweise von den umstehenden Gästen verhindert wurde, die sich plötzlich wie eine lebende Wand zwischen uns drängten. Ein Umstand, der mich wahrscheinlich davor
bewahrte, wie die Wanze, die ich bin, zerquetscht zu werden. In diesem Zustand hätte mich eigentlich jedes Lebewesen besiegt, das stärker oder größer ist als ein Wattestäbchen.
Das hielt mich selbstverständlich nicht davon ab, etwas in der Art von „Lasst ihn durch,
verdammte Drecksbande! Ich werde ihm den Rüffel erteilen, den er seit seiner Geburt verdient!“ von mir zu geben. Leider schien keiner der Anwesenden Whiskey zu sprechen, so dass man mein Ersuchen schlichtweg
ignorierte. Freunde führten mich behutsam, aber bestimmt über einen Hinterausgang aus der Kneipe und fuhren mich nach Hause.
Rastlos wie ein Wolf schlich ich dann noch eine Weile unzufrieden durch meine Wohnung, bis mich
die vom harten Trinken induzierte Müdigkeit schließlich übermannte. Seufzend sank ich irgendwo in der Nähe meines Bettes in mich zusammen und stürzte in ein gnädiges Koma.
Der Morgen verlief dann eigentlich wie üblich. Gegen 7:30 Uhr klingelte mein Wecker, ich stieg
frisch und ausgeruht aus meinem Bett. Ergriff die ordentlich zusammengefaltete Kleidung vom Vortag und streifte mir diese über. Dann in der Küche schnell das den Toast in den Toaster, das Frühstücks-Ei in den
Kocher und hinab zum Briefkasten, die Morgenzeitung holen. Den Nachbarn und meinem Mitbewohner auf dem Weg dorthin ein fröhliches „Guten Morgen“ entgegengeschmettert und dann frohen Mutes in aller Ruhe
gefrühstückt, während ich mit großem Interesse das aktuelle Weltgeschehen studierte.
Yeah. Sure. Am Arsch.
Ich erwachte gegen 16:30 in einem übelriechenden, versifften Haufen von Unrat, der
wahrscheinlich irgendwann einmal Bestandteil meiner Kleidung gewesen war. Oder Bestandteil meines Magens, dem Duft nach zu urteilen. Taumelnd stolperte ich durch das diffus beleuchtete Schlafzimmer, dabei die
durchschnittlich gewohnte Menge an Reißnägeln und toten Insekten mit meinen Füßen aufsammelnd.
Dann der übliche Wettlauf durch die ganze Wohnung zu meinem Klo, welches natürlich genau am
anderen Ende liegen muss. Mit den Geräuschen, die ich üblicherweise beim Erbrechen mache, weise ich gleichzeitig meinen zwei Stockwerke unter mir wohnenden Cousin Anderl darauf hin, dass ich ab jetzt wach und
ansprechbar bin.
Auch mein Mitbewohner Schlomo war bereits aufgestanden. Mit verschränkten Armen stand er vor
seinem Zimmer und beobachtete breit grinsend mein Bemühen, wenigsten einen Teil meiner inneren Organe bei mir zu behalten, während ich dem großen Porzellangott seinen Tribut zollte.
Danach folgte der Standard-Verlauf eines normalen Samstags. Zuerst panisches Entsetzen, weil ich
befürchtete, schon wieder einmal im Suff mein Handy verloren zu haben. Dann die große Erleichterung, als ich es über meinen PC anrief und es in meiner Unterhose klingelte.
Anschließend ein kurzes Routinegespräch mit Andre, um irgendwelche eventuell vergessenen
Peinlichkeiten des Vorabends zu erfragen und sich zu vergewissern, wann genau und wo man sich eigentlich mal wieder im berauschten Zustand aus den Augen verloren hatte.
Kaum hatte ich aufgelegt, stand auch schon pünktlich wie der Handwerker, der er ist, mein
geliebter Cousin Anderl vor meiner Tür. Bereit, sich seine tägliche Niederlage in Tiberian Sun abzuholen. Man sollte vielleicht dazu erwähnen, dass wir das Spiel seitdem es erschien nahezu jeden Tag wie besessen
spielen. Anderl aber selbst dann verliert, wenn ich eine Hand auf den Rücken gebunden bekomme und den Monitor während des Spiels ausschalte.
Was mich auf irgendeine Art und Weise sehr befriedigt. Als ich nämlich vor einiger Zeit mal den
Versuch startete, mich im Internet im fairen Wettkampf dem Rest der Menschheit zu stellen, wurde ich für gewöhnlich binnen weniger Minuten von einem achtjährigen Mädchen zweifelhafter Herkunft besiegt. Seither
spiele ich nur noch gegen Anderl.
Noch während wir verbissen um den Ausgang unserer täglichen Schlacht rangen (d.h. Anderl rang,
ich döste vor mich hin), hörte ich hinter mir vertrautes Fluchen und Scheppern. Es war Sonja, eine meiner Lieblingsfrauen. Wir waren mal zwei Jahre zusammen und stellten bei unserer Trennung fest, dass wir uns
trotzdem noch prima leiden können. Daher überließ ich ihr auch weiterhin den Schlüssel zu meiner Festung und das Privileg, mich unangemeldet besuchen zu dürfen. Was sie gerade mal wieder tat, um mir die frohe
Kunde zu überbringen, dass sie jetzt endlich einen eigenen Computer hat.
Nach dem üblichen Umwerfen aller leeren Bierdosen im Eingangsbereich (das erwähnte Scheppern)
durchsuchte sie routiniert meine beiden Kühlschränke und bemängelte das Fehlen von verwertbarer Nahrung. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass es in meinen Kühlschränken sehr wohl etwas zu essen gäbe, man
müsste es sich nur mit Hilfe eines kleinen Speeres erjagen. Was sie aber nicht zufrieden stellte.
Demonstrativ setzte sie sich hinter mich, sah uns beim C&C-Spielen zu und verfiel in einen
monotonen „Ich will Carazza oder Burger“-Sprechgesang. Dabei stocherte sie als Untermalung ständig in meinem neben mir natürlich gewachsenen Müllberg herum, in der Hoffnung, dort noch eine Packung Chips oder
ein leckeres Kapaun-Filet mit Feldsalat und Petersilkartoffeln zu entdecken.
Leider vergebens, dafür fand sie einige Gegenstände, die ich schon lange verloren glaubte. Als
Zeichen meiner Dankbarkeit erlaubte ich der Frau meines Cousins, einen kleinen Ausflug zum örtlichen Drive-In zu unternehmen und uns eine erkleckliche Anzahl von Burgern mitzubringen.
Sonja kletterte inzwischen auf meinen Regalen herum und begann mit dem Erbau eines stattlichen
Turms aus verschiedenen Computerspielen. „Die nehme ich mir mal mit für heute Abend“, verkündete sie fröhlich. Ach, die Unbekümmertheit der Jugend.
Routiniert fischte ich alles aus dem Stapel, was entweder pornografischen Inhalts war, nur auf
Amiga oder C-64 lief oder irgendwelchen religiösen Wert für mich hatte. Den Rest überließ ich ihr mit dem Bewusstsein, das Zeugs erst einmal für eine lange, lange Zeit nicht mehr zu sehen. Was aber nicht so
sehr schlimm ist, da wir irgendwann in den nächsten Wochen schon wieder einmal umziehen. Spart mir schon wieder einiges an Schlepparbeit.
Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich es diesmal geschafft habe, meine Kolumne mit noch
weniger Inhalt als ohnehin schon üblich zu versehen. Und mit dem Ergebnis alles andere als zufrieden bin, zumal ich ja noch nicht einmal auf mein erkleckliches Vokabular an Schimpfbegriffen zurückgreifen konnte,
weil man Gehirn seit Freitag irgendwie völlig tot und leer ist.
Im Fachjargon nennt man dies glaube ich einen „Writer’s Block“. Ich selbst nenne es einfach
Unfähigkeit und werde mich jetzt bis zum Sonnenaufgang mit einer stacheligen Rute geißeln, um mich für mein Versagen zu bestrafen.
|