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Montag, 24. Juli 2000 (19:48 Uhr) - Seelenloch
Es ist vollbracht.
Seit wenigen Tagen bin ich dreißig verschissene Jahre alt.
Fühlt sich irgendwie seltsam an.
Nicht schlecht, nur seltsam.
Man beginnt, ein wenig über sein vergangenes Leben zu reflektieren.
Man beginnt, Nachbarn freundlich zu grüßen, bevor man sie mit einem heiteren Tritt in den
Rücken die Treppe hinunterschubst.
Man übergibt Nachbarn die für sie angenommene Post, ohne sie vorher gelesen zu haben oder das
Kuvert mit Nasenpopeln auszupolstern. In den vergangenen Tagen habe ich nicht einmal eine einzige gefälschte Lotto-Gewinnmitteilung oder ähnliches verfasst und jemandem in den Briefkasten geworfen.
Man wird weich und nachsichtig. Eventuell sogar, ohne dies bewusst zu bemerken.
Das Geschrei eines kleinen Kindes, welches hingefallen ist, zaubert nicht mehr das versonnene
Lächeln vergangener Tage auf mein eingefallenes Gesicht.
Genau genommen ist mein Gesicht auch nicht eingefallen. Mehr aufgebläht. Man wird nämlich im
Alter auch zunehmend fetter. Das einzig Gute daran ist, dass es einem mit zunehmendem Alter auch zunehmend gleichgültiger wird.
Gott, selbst meine Sätze sehen immer fetter aus, vor lauter Verwendung dickmachender Worte wie
"zunehmend". Ist das nicht ekelhaft?
Auch in diesem Jahr wurde ich von einigen meiner wenigen Freunde mit zahlreichen mehr oder
weniger sinnlosen, aber dennoch coolen Geschenken überhäuft, was ich mit der mir eigenen Nonchalance gelassen, aber erfreut, zur Kenntnis nahm.
Gut, ich gebe zu, dass mich die Viertelliter-Flasche "Doppelherz Vital Tonikum N" von
Sonja doch ein klein wenig irritiert hat. Schmeckt aber gar nicht mal so übel, wenn man es mit ein wenig hochprozentigem Wodka verdünnt. Auch zum spontanen Entflammen argloser Passanten ist das Zeugs hervorragend
geeignet, wenn man ein wenig davon auf ein flammengetränktes Tuch gibt und dieses aus dem Fenster wirft.
Prima auch die Lava-Lampe, mit der mich mein bester Freund Rainer bedacht hat. Sieht aus wie ein
riesiger, raketenartiger Dildo und dämliche Menschen, die immer alles angriffeln müssen, verbrennen sich oft und arg die Finger daran. Ein Geschenk nach meinem Geschmack.
Sehr praktisch ist auch das Geschenk von Eszter, ein zusammensetzbares Reiserasierset im
silbernen Metalletui. Die Tatsache, dass man den darin befindlichen Rasierer ähnlich zusammenbauen kann, wie Francisco Scaramangas berühmte Golden Gun, lenkt mich natürlich nicht von dem offensichtlichen
Verwendungszweck der darin befindlichen Rasierklinge ab:
Ich soll mich damit im kalten Wasser einer unbequemen Hotelbadewanne liegend aus dem Leben
nehmen. Was ich vorerst noch nicht zu tun gedenke, da ich Wasser, besonders kaltes, verabscheue.
Nur ein blöder Scherz, Eszter. Don't worry. J
An dieser Stelle möchte ich auch meinen Bruder, den alten Geiznickel grüßen, weil er mir auch
dieses Jahr mal wieder nichts geschenkt hat. Und dies, obwohl ich ihn als guter Mensch und Bürger Jahr für Jahr mit originellen Geschenken bedenke. Sogar außerhalb der diversen Geschenksaisons. Meistens
jedenfalls.
Muss aber selbst beschämt gestehen, dass ich dieses Jahr sogar selbst den Geburtstag meiner Mami
vergessen habe. Wenn man bedenkt, dass ich für gewöhnlich selbst den meines Briefträgers kenne, ein doch schändlicher Zustand. Ich weiß nicht, was derzeit so alles in meinem Kopf vorgeht, eine Menge wichtige
Dinge geraten jedoch dadurch in Vergessenheit oder werden unbeabsichtigt verdrängt. Muss dringend daran arbeiten.
Was ich in letzter Zeit zunehmend (da, schon wieder das Fettwort!) bemerke, ist, dass ich immer
sentimentaler werde auf meine alten Tage. Waren es früher vereinzelte Filme wie "Breakfast Club" oder "Highlander" oder "Braveheart", welche mir das ein oder andere Tränchen über
meine Wange kullern ließen, so schaffe ich es heute nicht einmal mehr, eine mehr oder weniger normale Folge von "Buffy" oder "Angel" anzusehen, ohne dabei während einer besonders romantischen
oder heldenhaften Szene loszuheulen wie ein Schlosshund.
Wann genau vollzog sich dieser Wandel in mir, den ich bewusst gar nicht mitbekam? Ich habe nicht
den leisesten Schimmer. Sollte aber gelegentlich versuchen, dies zu ergründen. Könnte sonst peinliche Momente nach sich ziehen.
Kann mir schon richtig vorstellen, wie ich irgendwann mit hochrotem Gesicht und triefnassem
Taschentuch dasitze, während ein mir unbekannter Mann seiner mir ebenso unbekannten Frau im Fernsehen davon erzählt, dass er Angst hat, den ganzen Ballon voll zu kacken, wenn er mitfliegt. Diese ihm dann wissend
lächelnd eine Schachtel "Immodium Akut" reicht und mich damit in einen Strudel der Gefühlsübermannung stürzt.
Nein, es gibt Dinge, die will ich nicht erleben. Niemals!
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