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11.02.2000 (16:28 Uhr) – Zollamt
Vor einigen Tagen fand ich in meinem Briefkasten eine Benachrichtigung, dass für mich eine
Postsendung zur Abholung bereitläge. Da ich dem Briefträger, der mir die Mitteilung in den Kasten warf, morgens selbst per Türöffner ins Haus eingelassen hatte, glaubte ich zunächst an eine der üblichen
Schikanen. Gewissermaßen als Rache für die unzähligen Wassergläser, die ihm mein Mitbewohner schon frühmorgens aus dem zweiten Stock auf den Kopf goss, weil er zu einer unpassenden Zeit geklingelt hatte. Doch
dem war nicht so.
Als ich mich voller Spannung am späten Nachmittag auf dem Postamt einfand, bekam ich dort
lediglich einen bunten Zettel. Dieser besagte, dass die abzuholende Sendung auf dem Zollamt von mir abzuholen sei. Als geschickter Denker und Stratege gelangte ich sofort zu dem Schluss, dass es sich dabei
eigentlich nur um den Waschkorb voll Comics handeln könnte, den ich vor einer Weile bei einem Versender aus Texas bestellt hatte. Also verließ ich das Postamt erst mal wieder, jedoch nicht ohne die dortige
Mitarbeiterin darauf hinzuweisen, was für ein stinkfaules Stück Scheiße ihr briefzustellender Kollege ist. Sie versprach mir, ihn zu ermahnen. Klar. Fat chance, chick. Aber zumindest eine charmante Lügnerin.
Da es doch schon recht fortgeschrittener Nachmittag war, hatte das Zollamt natürlich schon seit
den späten Mittagsstunden geschlossen. Ich entschied mich also, erst nach dem nächsten Sonnenaufgang dort einzufallen. Die Götter wissen, warum an diesem Tag André schon in den frühesten Morgenstunden bei mir
in der Wohnung rumlungerte. Wahrscheinlich hatte er am Vortag bei mir gepennt, ich erinnere mich nur durch einen undeutlichen Alkoholnebel.
André ist der Sohn, den ich nie wollte. Genaugenommen ist er nicht einmal mein Sohn. Aber er
verfolgt mich durch mein Leben, seitdem er zwölf Jahre alt war. Und meine Oma ist laut eigener Bezeugung die beste Freundin seiner Mutter. So war es wohl unvermeidlich, dass ich ihn zwangsläufig mal irgendwann in
meinen spärlichen Freundeskreis aufnehmen musste. Aber ich schweife schon wieder ab.
Jedenfalls war er gerade da und er musste mich begleiten, da ich damit rechnete, während der zu
erwartenden Wartezeiten auf dem Warteamt einen Dialogpartner gut gebrauchen zu können. Natürlich hatte ich mit dieser Vorahnung mal wieder Recht. Kennen Sie diesen dämlichen Witz: „Was ist das? Drei in einem
Raum und einer arbeitet? Zwei Beamte und ein Ventilator.“. Sagen wir, der Witz wurde von der Zeit im Laufe der selbigen überholt. In modernen Ämtern arbeitet scheinbar nicht einmal der Ventilator.
Als wir gegen 8:30 Uhr in die Amtsräume einfielen und schon nach kurzem Studium der kryptischen
Zeichen auf dem Abholschein das richtige Büro fanden, erweckten wir durch unser Betreten die dort anwesenden drei Beamten (zwei Männer und etwas, das eine Frau gewesen sein könnte) nur kurzzeitig aus ihrem Koma.
Das Frauen-Ding und einer der Männer verfielen nach einem kurzen Blick in unsere Richtung
beinahe augenblicklich wieder in katatonische Starre, während der andere Bursche aufsprang, als hätte ihn irgend etwas in seinen Holzhintern gestochen. Zielstrebig bewegte er sich auf die Schaltertheke zu, die wir
inzwischen angesteuert hatten.
Natürlich nicht, um uns nach unserem Ersuchen zu befragen, sondern um in das angrenzende
Nebenzimmer weiterzurennen. Wahrscheinlich, um seinen Bleistift zu spitzen. Da ich an diesem Morgen aus noch ungeklärten Gründen gut gelaunt war, beschloss ich, das Spiel vorerst mitzumachen.
Bereitwillig stellte ich also Blickkontakt zu einem der übrigen herumlungernden Beamten her:
„Einen schönen guten Morgen. Ich würde gerne eine Sendung hier abholen.“
Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, seine Antwort hätte mich überrascht.
„Das macht der Kollege, der gerade raus ist. Müsste bald wieder kommen.“
Entspannt nahm ich auf einem der herumstehenden Stühle Platz, während aus der Richtung von
André bereits das erste unwillige Grunzen zu vernehmen war. Ich lächelte nur selig und lauschte auf die „Schnirp-schnirp-schnirp“-Geräusche aus dem Nebenraum, die der Bleistiftspitzer des Kollegen machte.
Irgendwann muss er ihm dann dabei abgebrochen sein, denn er kam wieder zurück zu uns Sterblichen in den Schalterraum.
Gemächlich schlich er an seinen Schreibtisch und ließ den Bleistift in eine seiner Schubladen
fallen, bevor er uns dann endlich offiziell bemerkte. Geschmeidig wie ein Tiger mit Leistenbruch näherte er sich der Schaltertheke, an der ich mich inzwischen wieder wortlos aufgebaut hatte, den Abholschein wie ein
Mahnmal vor mich haltend.
„Eine Abhol-Sendung, wie?“, bemerkte er geistesgegenwärtig. 10 Punkte, Sherlock.
Er verzog sich ins Lager, um danach zu stöbern, während ich mich wieder auf dem Stuhl
niederließ. André begann ungeduldig mit den Füßen zu scharren und der Frau auf den Arsch zu gucken, was ihr nicht zu gefallen schien, denn sie verließ bald darauf den Raum.
Schon nach einem relativ geringen Zeitraum kehrte der für mich zuständige Beamte wieder mit
einem handlichen Paket zurück.
„Was ist denn da drin?“, wollte er wissen. Neugieriger Scheißer. „Comics“,
entgegnete ich freundlich, aber bestimmt.
„Könnten Sie das mal aufmachen?“, fragte er mit diesem typischen Blick, den nur ein Beamter
haben kann, der glaubt in wenigen Sekunden den größten Drogenfang seines Lebens zu machen. Gelangweilt öffnete ich für ihn den Karton und ließ ihn einen Blick auf den Inhalt werfen. „Bedrucktes Kokain“,
scherzte ich. Gefiel ihm wohl nicht.
Betont langsam nahm er ein paar Hefte heraus und blätterte sie in der selben Geschwindigkeit
durch, mit der ich ihm eine Herzmassage verpassen werde, sollte ich ihn mal irgendwo verendend im Straßengraben liegen sehen. Verunsichert blätterte er weiter, irgendwie leicht frustriert, dass sich tatsächlich
keine zwölf Pfund Rohopium zwischen den Seiten verbargen. Misstrauisch beäugte er die Texte, vielleicht war ja da ein Aufhänger zu finden.
„Soll ich Ihnen ein paar der Sprechblasen übersetzen?“, fragte ich freundlich und
hilfsbereit.
Aus Andrés Ecke kam ein leises Glucksen. Zoll-Man stieß nur ein unwilliges Brummen zwischen den
Zähnen hervor. „Muss ich erst mal der Chefin zeigen.“
Ich nickte huldvoll und machte es mir wieder auf meinem Stuhl bequem, während er mit einer
kleinen Auswahl der Hefte in ein weiteres Nebenzimmer verschwand. Ich glaube, dieses Amt hat mehr Nebenzimmer, als das Schloss von Ludwig dem XIV. Aber egal. Während André zunehmend missmutiger wurde und seine
Ansichten über Beamte in Worte zu kleiden begann, schloss ich die Augen und träumte von einer besseren Welt.
Gerade als meine Träume richtig interessant wurden, weil die ersten nackten Weiber auftauchten,
kam der Beamte schon wieder zurück. Auch seine Chefin hatte wohl leider bei der Überprüfung der Comics keine Unregelmäßigkeiten oder Widrigkeiten feststellen können, was ihn sichtlich zu verdrießen schien.
Vielleicht sollte ich ihm mal erzählen, dass in einem der Hefte ein Hakenkreuz abgebildet war. Nur, um seine Meinung über diese Sachen zu bekräftigen und ihn glücklich zu machen.
„Scheint alles seine Richtigkeit zu haben“, gab er kulant zu. „Sie müssen die Hefte
allerdings noch versteuern und verzollen. Ich werde mal schnell ausrechnen, wie viel das gerade ist.“
Da mir klar war, dass dies wieder ein Weilchen dauern könnte, hatte ich mich schon während er
sprach, wieder auf meinen Stuhl zurückgezogen. Er verließ mit einem frischen Bleistift und einem Taschenrechner das Zimmer und begab sich in einen weiteren Nebenraum.
André fluchte wie ein Fischverkäufer und ich erheiterte ihn durch verschiedene Beamtenwitze aus
meinem reichhaltigen Repertoire. Diesmal ließ sich der Staatsdiener richtig lange Zeit. Ich sah inzwischen große Teile meines Lebens vor meinem geistigen Auge vorüberziehen und stellte mich insgeheim schon darauf ein, auch noch einen Teil des Nachmittags auf dem Zollamt zu verbringen.
Gerade als ich damit beginnen wollte, mich den übrigen Beamten als neuen Bestandteil des
Inventars vorzustellen, kehrte mein Lieblingszollmann auch schon wieder aus dem Dunkel des Nebenzimmers zurück. Den Geräuschen nach zu urteilen, die kurz vorher daraus drangen, hatte er dort ein kleines
Schläfchen gehalten, um sich zu kräftigen. Vielleicht hat er sich auch nur einen von seiner Kollegin blasen lassen, die geraume Zeit vorher in das selbe Zimmer entschwunden war. Igitt. Doch nicht von der! Die war
wirklich schlimm! Obwohl André natürlich anderer Meinung war. Aber anyway.
Zollie hatte schließlich endlich berechnet, wie viel ich noch an diversen Wucherzuschlägen und
anderen Steuern zu berappen hätte. Nachdem ich kurz erblasste, als ich den Betrag hörte, verschwand ich mit André auf die nächstgelegene Bank, um einen mittelgroßen Sack voll Geld zu holen. Diesen knallten wir
den Miesling auf seine vergammelte Theke und wollten uns schon mit meinem Paket aus dem Staub machen, als er uns abermals stoppte. Er sei leider für die Geldannahme nicht zuständig, das mache der Kollege, der da
hinten im Glaskasten sitzt.
Etwa zehn Minuten später konnten wir dann auch schon das Gebäude mitsamt meinen Comics endlich
verlassen. André war leicht launig, ich unerklärlicherweise immer noch in bester Stimmung. Irgendwie fand ich den Vormittag auf dem Amt recht unterhaltsam und lustig. Ich glaube, ich werde mir in den nächsten
Tagen wieder ein paar neue Comics bestellen. Und natürlich nehme ich dann auch wieder André mit, um sie abzuholen. Er soll ja schließlich von mir lernen, warum ich diese Welt so sehr hasse und wurde, wie ich bin.
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